Monat: Juli 2021

Wilde Färberpflanzen sammeln

Wiese mit Faerberpflanzen, bluehender Wilder Moehre

Die sommerliche Fülle an Pflanzen und Blüten lockt gerade! Zum dran Schnuppern beim Spazieren, zum verträumt Anstarren beim auf-der-Wiese-liegen oder zum Sammeln und Färben.
Wenn du beim Sammeln von Wildpflanzen ganz neu bist, dann möchte ich dir dafür ein paar Punkte zur Orientierung geben. Und am Ende stelle ich dir noch drei Pflanzen vor, die du bestimmt finden wirst.

Pflanzen sorgen für uns – Pflanzen stellen Nahrung her, Medizin, Fasern, die uns kleiden und wärmen, sind uns bei Regen auch mal ein Dach über dem Kopf, und Farbstoffe enthalten sie auch. Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen, oder? Wenn ich mir das bewusst mache, empfinde ich große Dankbarkeit dafür. Und ich möchte diese Großzügigkeit mit Rücksicht und Respekt erwidern.

Bei aller Fülle, der Wald, die Wiese, ist kein Supermarkt – nicht alles ist immer in zuverlässiger Menge „erhältlich“, und die Regale werden auch nicht regelmäßig aufgefüllt. Das heißt auf gar keinen Fall, dass wir uns von den Pflanzen in unserer Umgebung fern halten sollen, im Gegenteil – es bedeutet, dass wir sie kennenlernen sollten.

Kennst du deinen Ort?

Das ist zum rücksichtsvollen Sammeln wichtig – wo befinde ich mich? In geschützten Gebieten sollte nicht gesammelt werden. In Parks und Gartenanlagen können verschiedene Regeln gelten. Besonders an Orten die von vielen Menschen besucht werden, wie innerstädtischen Parks, sammle ich lieber Laub oder zum Beispiel Eicheln, wenn sie auf den Boden gefallen sind (oder nach Schnittarbeiten). Gibt es an einem Ort nur wenige Blüten, oder sind gerade die allerersten Frühblüher erwacht? Dann haben Insekten, die Pollen oder Nektar sammeln, Vorrang.
Ein schöner Nebeneffekt vom „Ort kennenlernen“ ist auch das Zuhause-Gefühl, das vielleicht mit der Zeit wächst, wenn du den Ort, die Pflanzen um dich herum eine Weile genauer beobachtest!

Lerne die Pflanze kennen

….die du pflücken möchtest. Es gibt einige Giftpflanzen, manche davon sind fast schon Doppelgänger von ungiftigen Pflanzen. Es gibt so viele Färberpflanzen, dass es meist eine gute Alternative zu giftigen Pflanzen gibt.

Wenn du unsicher bist, fotografiere die Pflanze, dann kannst du sie bestimmen lassen (oder dein Glück mit einer Bestimm-App versuchen). Ein Foto vom Standort, und eines von den Blättern, dem Stiel, der Blüte/Frucht – damit kann man sogar besser bestimmen, als mit einem Zweig oder einem einzelnen abgepflückten Blatt. Und die Pflanze kann an Ort und Stelle bleiben. Am allerbesten lerne ich auf Wildpflanzen-Führungen von anderen Menschen. Da prägen sich mir die Merkmale von Pflanzen viel besser ein, als beim Nachschlagen in Büchern.

Aber zurück zum Sammeln: Nur mitnehmen, wenn du die Pflanze erkennst. Und nur abschneiden, wenn du sie auch mitnehmen möchtest. Vielleicht kennst du diese Regel auch vom Pilzesammeln?

Es gibt natürlich auch seltene, geschützte Pflanzen – vielleicht ist die Wahrscheinlichkeit (leider) nicht so groß, dass du eine solche findest. Aber auch deshalb ist es wichtig, keine unbekannten Pflanzen zu pflücken.

Bist du im Wald unterwegs, oder auf unberührten Wiesen? Ab April und den Sommer über solltest du dich beim Sammeln auf den Wegen halten, besonders, wenn du mit dem Ort und der Tierwelt nicht so vertraut bist. Bodenbrütende Vögel und andere Tiere sollten in dieser Jahreszeit möglichst ungestört bleiben. Die gute Nachricht ist, dass es entlang von Wegen ohnehin oft auffallend vielseitige Pflanzen gibt!

Und wie läuft das Sammeln nun ab?

Also, du bist nicht in einem besonders geschützten Gebiet, die Pflanzen vor dir sind nicht selten. Wie sammelst du nun?
Überraschenderweise gibt es zur rechtlichen Seite dazu eine sehr anschauliche Vorgabe: Die „Handstraußregelung“:
„Jeder darf danach wild lebende Blumen, (…) sowie Zweige wild lebender Pflanzen aus der Natur an Stellen, die keinem Betretungsverbot unterliegen, in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen.“

Ich habe schon verschiedene Versionen davon gehört – nimm nicht mehr als du benötigst, und nur, wenn ausreichend wächst.

Ernte so, dass es auch hinterher noch unberührt aussieht – für mich heißt das, ich ernte nur, wenn es viele Pflanzen gibt, und nehme von jeder einzelnen nur wenig (Blüten/Blätter…). Ich ernte zum Beispiel beim Beifuß die Spitzen, statt ganzer Pflanzen. Das regt sogar noch zum Wachstum an. Eine Freundin sagte vor kurzem „wenn ein Insekt auf der Blüte, ein Vogel auf einem Ast sitzt, haben sie Vorrang“ und sie lässt ihnen die Pflanzen. Auf einer Veranstaltung von Wildwärts gab es den Tipp „ein Teil für dich, ein Teil für die Pflanze, und ein Teil für die Feen“ – der natürlich vor allem für Kinder sehr einprägsam ist!

Geben und Nehmen

In Braiding Sweetgrass von Robin Wall Kimmerer (seit Kurzem auch auf Deutsch erhältlich) gibt es zur Honorable Harvest, der ehrbaren Ernte, ein ganzes Kapitel, das wirklich zu lesen lohnt. In ihrer indigenen Tradition sind Respekt und Gegenseitigkeit, auch gegenüber nicht-menschlichen Wesen wie Pflanzen, wichtige Werte. Das heißt unter anderem – nimm nie das erste und nie das letzte was du siehst (also unter Umständen nichts). Die Pflanzen sorgen für uns, wie können wir das respektvoll erwidern? Die Natur ist großzügig, sie schenkt – und wo man beschenkt wird, nimmt man nur, was man verbrauchen kann, man teilt, man stiehlt nicht. Es ist nicht der Platz für Gier, denn es gibt keinen Mangel. Pflanzen werden vor dem Ernten um Erlaubnis gebeten – besonders das klingt für uns erstmal ungewohnt. Vielleicht kannst du trotzdem für dich davon einiges mitnehmen?

Ich ernte in der freien Wildbahn keine Wurzeln zum Färben. So können Stauden wieder austreiben. Ich lasse Blüten stehen, damit sie Samen bilden können. Und für störrische Stiele ist es gut, Schere oder Messer dabeizuhaben, um nicht versehentlich ganze Pflanzen zu entwurzeln. Ich sammle in Stoffbeuteln oder Papiertüten, in denen vorher Obst oder Gemüse war, so kann man die Pflanzen gut luftig transportieren. Und wenn ich dran denke, habe ich noch eine Plastiktüte dabei, um etwas anderes zu sammeln, umherliegenden Müll nämlich. Für ein bisschen praktische Gegenseitigkeit zwischen mir und meiner Umwelt.

Drei Färberpflanzen, die du bestimmt finden kannst

Zumindest sehe ich diese drei Pflanzen zur Zeit ständig, auch wenn ich durch die Stadt spaziere.

Beifuß, Artemisia vulgaris

…ist eine traditionelle Heilpflanze, die früher sehr vielseitig benutzt wurde. Man hat mit ihr auch fettige, schwere Speisen gewürzt, um die Verdauung zu unterstützen. Für beides wird der Beifuß heute wohl nur noch selten genutzt, also warum nicht mal zum Färben testen?

Du erkennst den Beifuß vor allem an seinen gefiederten Blättern mit der typischen hellen, silbergrauen Unterseite.

Ich habe ihn zum Färben kurz vor der Blüte geerntet. Aber wenn du wie viele auf Beifuß allergisch reagierst, lässt du diese Pflanze vielleicht gleich ganz stehen. Meinen Beifuß-Strauß habe ich vom Straßenrand geerntet, auf dem Weg zu unserem Gärtchen. Dort sieht man ihn sehr häufig, auch auf Brachen, an Baustellen und in Parks, die nicht ständig gemäht werden.

Ich bin die Straße ein Stück entlang spaziert, mit Schere wegen der festen Stängel, und habe von jeder Pflanze nur wenige Spitzen geerntet. Und dabei auch schon viel Goldrute erspäht, die auch bald in der ganzen Stadt erblühen wird.

Stoffe und Wolle gefaerbt in hellen Grüntönen, mit einem getrockneten Beifuß-Blatt

Kanadische Goldrute, Solidago canadensis

Über die Goldrute kannst du an anderer Stelle auch ausführlich lesen. Sie gehört auf jeden Fall zu den Färberpflanzen, die reichlich wachsen, und ist wie der Beifuß auch eine Heilpflanze. Du kannst zum Färben sowohl Blätter als auch Blüten verwenden. Ich ernte besonders gern die Blütenstände mit den oberen Blättern, bevor die Knospen sich öffnen.

Wenn man genau hinschaut, entdeckt man die Goldrute auch jetzt, Mitte Juli schon überall. Aber sobald sie im späten Sommer blüht, ist sie mit den leuchtend gelben Blüten wirklich nicht zu übersehen!

In einigen Gegenden gibt es sogar die Empfehlung, diese Pflanze zu entfernen, da sie sich mit ihren Rhizomen stark ausbreiten kann. Sie kann in bestimmten Biotopen andere Pflanzen verdrängen, und so hat die Kanadische Goldrute, einst als Zierpflanze eingeführt, meist keinen guten Ruf.

In meinem Garten darf sie bleiben. Ich ernte, und entferne, wo sie überhand nimmt. Damit färbe ich dann, oder mach mir auch mal einen Tee. Und genieße ansonsten die Blüten, und die Scharen von Insekten, die sie anlocken.

Also, vielleicht gibt es bei dir in der Nähe ja auch Aktionen, um in besonders geschützten Landschaften die Goldrute zu entfernen? Dann kannst du dabei nach Herzenslust ernten. Das gilt aber nicht überall: Ansonsten gelten für die Goldrute aber die selben Regeln wie für andere Wildpflanzen. Aber einen Färbetopf kann man mit dieser häufigen Pflanze sicher füllen.

Wilde Möhre, Daucus carota

Weil ich die wunderbaren Doldenblüten dieser Pflanze so liebe, ernte ich sie tatsächlich nicht. Du kannst nämlich stattdessen auch mit dem Grün von Karotten färben – in beiden Fällen kannst du leuchtende Gelbtöne färben.
Aber dieses Jahr habe ich sie teils in so großer Menge gesehen, dass ich doch einen Strauß hätte pflücken können. Und die Wilde Möhre eignet sich gut, weil sie anders als viele andere Doldenblütler gut und sicher identifizierbar ist. In dieser Familie gibt es einige giftige Pflanzen, und viele Doldenblütler sehen sich doch ziemlich ähnlich. Zum Beispiel ist der Wiesenkerbel, als ungiftige Färberpflanze, sehr leicht mit dem giftigen Taumel-Kälberkropf oder dem sehr giftigen Gefleckten Schierling zu verwechseln.

Also, die Wilde Möhre unterscheidet sich einerseits durch die Form ihrer Blütenstände, die wie feine, dichte Nester oder Spitzendeckchen aussehen. Und du kannst nach der Haupt-Dolde Ausschau halten – die hat bei der Wilden Möhre in der Mitte eine rote oder fast schwarze Blüte. Die hat bei uns keiner der giftigen Doldenblütler. Zum Färben kannst du Blütenstände und Blätter ernten.

Ich habe viele interessante Gespräche zu diesem Thema gehabt, die diesen Artikel inspiriert haben. Zum Beispiel mit Julia vom Berliner Zauberkraut, die biologische Reiniger herstellt, und Tash von Avantgarden.Life, die unter anderem Pflanzen-Führungen anbietet.

Und hier hat Julia auch noch etwas zum Thema geschrieben, mit Beiträgen aus der Hexenküche Community (die im Frühjahr 2020 entstand, und regelmäßig tolle Kräuter- und Pflanzenprodukte präsentiert).

Alle Angaben nach bestem Wissen und Gewissen. Du solltest keine unbekannten Pflanzen sammeln oder damit färben. Ich übernehme keine Haftung für etwaige negative Folgen.

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